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Montag, 18. Juli 2016

Textschnipsel aus "Mauerblümchen"



Melina hielt die Luft an und öffnete. Sie konzentrierte sich darauf, ihm ins Gesicht zu sehen.
„Hi.“ Er grinste schief. „Ich hoffe, ich störe nicht.“
„Ähm …, was gibt’s?“
„Ich habe Kuchen mitgebracht.“
„Es ist doch schon Abend.“
Er hob die Augenbrauen und hielt ihr das Paket entgegen. „Erdbeerkuchen.“
Melina schluckte. Dann machte sie einen Schritt zurück und sie öffnete die Tür weiter. Zögernd trat er ein und ging an ihr vorbei ins Wohnzimmer.
Er blieb stehen und sah sich um. Ihr Herzschlag hämmerte immer noch wie verrückt. Er war so groß. Und so breit. Sie schloss die Tür und folgte ihm.
Er drehte sich ihr zu und lächelte. „So modern hatte ich es mir bei dir nicht vorgestellt.“
Sie runzelte die Stirn. „Wie meinst du das?“
Er zuckte mit den Schultern. „Ich dachte, du hast mehr Kram und alte Möbel.“
„Nein.“
Er zwinkerte. „Das sehe ich.“
Melina fühlte, wie ihre Ohren heiß wurden. Verdammt, sie lief rot an, weil er zwinkerte. Sie kniff die Lippen zusammen, flüchtete in die Küche und riss die Schranktür auf, um Teller herauszuholen.
Als sie wieder aufblickte, stand er an den Türrahmen gelehnt da und sah ihr zu. Sein Körper schien die ganze Wohnung zu dominieren. Dabei war die gar nicht so klein.
Sie kramte nach Kuchengabeln. Er wollte sicherlich auch etwas trinken. Was sollte sie ihm anbieten? Unsicher schoss ihr Blick kurz in seine Richtung. „Ähm …, soll ich Kaffee kochen?“
Er zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Wie du willst.“
„Ich habe auch Wasser. Oder Wein.“
Er ließ seinen Blick durch den Raum wandern, hatte ihr anscheinend nicht zugehört.
Sie räusperte sich. „Wir können uns auf den Balkon setzen.“ Er nickte und streckte ihr die Hand entgegen. „Soll ich die Teller nehmen?“
Sie gab sie ihm. Ihre Finger berührten sich für den Bruchteil einer Sekunde. Ob er das auch gespürt hatte? Ob er sehen konnte, dass ihre Hände zitterten? Immerhin hatte das Geschirr in ihrer Hand nicht geklappert. Gott sei Dank. Was wollte er denn nun trinken? Er hatte nicht geantwortet. Sollte sie ihn noch mal fragen? Mann. Sie atmete tief durch. Wein. Sie brauchte Alkohol, wenn sie das durchstehen wollte. Ohne ihre Entscheidung noch einmal zu überdenken, holte sie den trockenen Pinot aus dem Kühlschrank, den sie sich für ihren Geburtstag gekauft und doch nicht getrunken hatte.
Sie folgte ihm, holte noch zwei Gläser und den Korkenzieher aus der Vitrine im Wohnzimmer und trat zu ihm auf den kleinen Balkon.
O Gott, wie blöd sie war. Sie hatte draußen doch nur den einen Stuhl und ihre Gartenliege. Nicht mal einen Tisch. Sie bekam ja sonst nie Besuch.
Bevor sie ihn wieder reinbitten konnte, hatte er völlig unkompliziert den Stuhl herumgedreht, die Teller draufgestellt und die Liege so an die Wand geschoben, dass der Stuhl davor als provisorischer Tisch fungieren konnte. Er setzte sich auf eine Seite der Liege und streckte die langen Beine schräg nach vorn aus, sodass für sie neben ihm genug Platz war.
Sie zeigte ihm die Flasche. „Magst du Pinot?“
„Klar. Gib her, ich mache sie auf.“
Er nahm ihr die Flasche ab und hielt auffordernd die andere Hand auf. Fragend sah sie ihn an. Er lächelte.
„Der Korkenzieher.“
Schnell gab sie ihm ihn und plumpste auf die Liege. Schon wieder wurden ihre Ohren kochend heiß. Vielleicht war sie von der Sonne rot im Gesicht und es fiel nicht so auf. Schließlich hatte sie den ganzen Nachmittag draußen gelegen und ihr Buch gelesen. Mist. Der Schundroman. Er lag neben der Tür auf dem Boden. Wenn er das Buch gesehen hatte! Wie peinlich. Sie schob es unauffällig mit dem Fuß unter die Liege.
Die Flasche war offen und er drehte sich ihr zu. „Hältst du die Gläser?“
Die Wunde an seinem Hals war noch von einem kleinen Pflaster bedeckt. Sie sah auf ihre Hand. Richtig, die Gläser hingen noch nach unten gekehrt zwischen ihren Fingern. Schnell drehte sie sie um und hielt nun in jeder Hand eins, sodass er einschenken konnte. Er sah bestimmt, dass ihre Hände zitterten, aber er tat so, als ob nichts wäre.
Thomas stellte die Flasche auf den Boden und nahm ihr ein Glas ab. Sie nickten sich zu und tranken. Melina nahm einen großen Schluck. Gleich danach noch einen, einen sehr großen. Er stellte sein Glas auf den Boden, packte den Kuchen aus und verteilte ihn auf die beiden Teller.
Sie betrachtete ihn von der Seite. Sein Hals war breit und kräftig. Durch das T-Shirt sah sie die Konturen seiner Schulterblätter und die Bewegungen der Muskeln, wenn er die Arme bewegte. Eigentlich seltsam, dass sich dieser Verbrecher ausgerechnet an so einen großen und kräftigen Kerl getraut hatte. Sie sah in Gedanken das Bild wieder vor sich. Der Typ war auch groß und breit gewesen, genau genommen sogar größer als Grünauge. Ja, Grünauge war nicht so riesig, wie er ihr vorkam. Vielleicht zehn, fünfzehn Zentimeter größer als sie. Ihr Blick wanderte auf seine Beine. Er trug eine ausgeblichene Jeans. Die sah nicht aus, als ob er sie so gekauft hätte, sondern eher so, als wäre sie wirklich alt und vom vielen Tragen ausgeblichen. Sie war auch nicht eng. Eher bequem. Lässig. Er knüllte das Papier zusammen, legte es unter den Stuhl und griff zum Teller. Seine Oberschenkel wirkten faszinierend kräftig und lang. Sie fühlte sich neben ihm so winzig. Seine Haare waren wieder zerzaust. Ob er sich überhaupt jemals richtig kämmte? Der Blick auf seine Wangenknochen und sein kantiges Kinn brachte in ihrem Becken etwas zum Summen.
Er benahm sich, als würden sie andauernd zusammen Kuchen essen und Wein trinken. Sie beneidete ihn um diese selbstverständliche Gelassenheit. Warum war er zu ihr gekommen? Was wollte er bloß bei ihr?
 „Ist alles gut verheilt?“, fragte sie.
Er nickte, während er ein großes Stück Kuchen abtrennte und in den Mund schob. Er kaute und schluckte. „War nicht schlimm. Ich musste nur eine Nacht im Krankenhaus bleiben.“ Er steckte sich das nächste Stück Kuchen in den Mund und kaute, während Melina fieberhaft überlegte, wie sie das Gespräch in Gang halten könnte. Schweigen war so peinlich.
Er stutzte und drehte ihr das Gesicht zu. „Magst du keine Erdbeeren?“
Schnell nahm sie ihren Teller. „Doch, ich esse gern Erdbeeren.“
Eine Weile aßen sie schweigend. Langsam beruhigte sich ihr Herz.
„Ist es dir nicht zu still, so allein zu wohnen?“, fragte er beiläufig.
Die Frage versetzte ihr einen Stich. „Woher willst du wissen, ob ich allein lebe?“
Er warf ihr einen schrägen Seitenblick zu. „Lebst du nicht allein?“
„Doch, im Moment schon.“ Sie starrte auf ihr Glas. Was sollte diese blöde Frage? Was ging ihn das überhaupt an? „Ich habe gern meine Ruhe“, fügte sie ruppig hinzu.
„Ich wohne in einer WG mit zwei Freunden.“
„Und deine Freundin?“ Konnte sie nicht denken vor dem Reden?
Er runzelte die Stirn. „Welche Freundin?“
„In der Straßenbahn.“
Er grinste. „Das war nicht meine Freundin. Die kannte ich nicht richtig. Sie ist eine Freundin von Anna, der Freundin von Paul. Das ist einer meiner Mitbewohner. Er war in der Nacht auch dabei. Der mit den langen Haaren. Erinnerst du dich?“
Sie nickte. Ihr dummes, dummes Herz schlug wieder lauter. Als würde es irgendeine Rolle spielen, ob er eine Freundin hatte oder nicht. Schnell trank sie einen Schluck Wein. Ihr Glas war schon leer, seins noch halb voll. Oje.
Er goss kommentarlos nach, aß seinen Kuchen auf und stellte den Teller zur Seite. Aufatmend, als hätte er gerade eine schwere Arbeit erledigt, lehnte er sich gegen die Wand in seinem Rücken und ließ den Blick über die Häuser und die Straße gleiten. „Bremen ist schön.“
„Wohnst du noch nicht lange hier?“
„Erst ein paar Wochen.“
„Woher kommst du?“
„Münster.“
„Münster ist auch schön.“
Er zuckte mit den Schultern. „Eher ein Dorf.“
„Das sagt man von Bremen auch.“
Er grinste. „Stimmt. Im Vergleich zu anderen Städten.“
„Kennst du so viele?“
„Ich bin fast zwei Jahre lang um die Welt getrampt.“
Sie zog erstaunt die Augenbrauen hoch. „Allein?“
Er nickte.
„Wo warst du überall?“
„Erst quer durch Europa, dann mit dem Schiff rüber in die USA, Mexiko, Kanada, drei Monate Australien, von da aus Thailand und Kambodscha, Indien, Tibet, zum Schluss noch Neuseeland.“
„Wow. Wovon hast du gelebt?“
Er zuckte mit den Schultern. „Ich habe gebloggt, hatte ganz gute Werbekunden. Manchmal habe ich auch für ein paar Wochen einen Job angenommen.“
Er trank einen Schluck Wein und lehnte den Kopf an die Wand. Melina schielte unauffällig in seine Richtung. Seine Augen bekamen einen in sich gekehrten Ausdruck, als ob er mit den Gedanken weit weg wäre.
Sie spielte mit dem Glas in ihrer Hand. Zwei Jahre lang allein um die Welt trampen. So was hätte sie sich niemals getraut. Sie kam sich neben ihm unsagbar langweilig und gewöhnlich vor. Sicher war Bremen für ihn auch nur eine Zwischenstation. Der Gedanke gefiel ihr nicht. „Bleibst du jetzt länger hier?“
Sie wartete auf eine Antwort, doch er rührte sich nicht. Irritiert drehte sie den Kopf. Er hatte die Augen geschlossen. Was war das denn? Völlig überrumpelt starrte sie ihn an. Tatsächlich. Er war einfach so neben ihr eingeschlafen. Drogen? Nein, er hatte doch normal gewirkt. Sie beobachtete sein Gesicht. Kein Zweifel möglich. Er schlief. Im Sitzen. Mit dem Hinterkopf an die Wand gelehnt. Absolut eindeutig. Er atmete tief und gleichmäßig. Sollte sie ihn wecken? Oder einfach schlafen lassen? Was war das denn für eine bescheuerte Situation?

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